Motivation

Die allgemeine Forderung nach einem unbeschränkten Recht aller auf kostenlose Bildung soll natürlich auch für Menschen gelten, die in Deutschland leben wollen oder gar keine andere Möglichkeit mehr sehen als hierher zu kommen. Es ist nicht einzusehen, dass von Asylbewerber_innen einerseits Anpassung erwartet wird, sie sich mit allerlei bürokratischen Hürden sowie institutionellen und alltäglichen Rassismen herumzuschlagen haben, andererseits aber keinerlei Bedingungen dafür geschaffen werden, aus der Isolation zu kommen, sich aus freien Stücken zu entwickeln, zu bilden, sich überhaupt im Alltag verständlich zu machen, gar einen Beruf zu ergreifen oder den bereits erlernten Beruf auszuüben. Dieser Zustand zeigt, dass Geflüchtete in Deutschland prinzipiell nicht erwünscht sind, dass von ihnen aber gleichzeitig erwartet wird, so zu tun, als seien sie erwünscht. Wenn „Integration“ nicht mehr als Selbstausbeutung im Dienste einer Gesellschaft und Anpassung an eine Kultur bedeuten soll, die ihrerseits auf diese Weise ihre Ablehnung gegenüber „Fremden“ verlautbart, lehnen wir diesen Begriff ab und schließen ihn als Grundlage und Motivation für unsere Arbeit aus.

Wir leisten Sprachförderung nicht mit dem Ziel der „Integration“, sondern mit dem Anspruch, eine von vielen Bedingungen dafür zu schaffen, dass verschiedene Menschen mit verschiedenen Lebensläufen in verschiedenen Lebenssituationen ihren Bedürfnissen nachkommen und ihre Interessen durchsetzen – ihre Stimme erheben können. Für uns bedeutet die Förderung der deutschen Sprache nicht die Erziehung zu einer „deutschen“ Lebensweise, sondern die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben hierzulande, in dem die eigene Herkunft und eigene Ziele nicht aufgegeben werden.

Wir legen wert darauf, unabhängig von staatlichen, kommerziellen und religiösen Institutionen zu agieren. Es ist nicht unser Anliegen, die Versäumnisse des Staates in seinem Sinne aufzufangen, wir wollen nicht als Teil der Institutionen angesehen werden, deren Existenz wir kritisieren und wir wollen uns nicht als gutes Beispiel einspannen lassen für eine Asylpolitik, mit der wir nicht einverstanden sind.

Porträt von Xen.on TV

Geschichte der Initiative

Unser Verein Multitude e.V. hat seine Ursprünge in der „Initiative Deutschunterricht“, die im Jahr 2001 von ein paar Student_innen der Freien Universität Berlin ins Leben gerufen wurde und regelmäßig Deutschunterricht im Erstaufnahmelager in Spandau gab.

Seit damals bieten wir in diesem Lager mehr oder weniger regelmäßig mit einer hohen Fluktuation an Lehrer_innen und auch Schüler_innen abendliche Deutschkurse an und haben den Unterricht inzwischen auf mehrere andere Berliner Lager ausgeweitet.

2011 gründeten wir den Verein Multitude e.V., um einen Rahmen für weitere Projekte und Aktivitäten zu schaffen. Mittlerweile sind wir viele verschiedene Ehrenamtliche, die aus unterschiedlichen Gründen geflüchteten Menschen einen Einstieg in die deutsche Sprache vermitteln, gemeinsam Zeit verbringen und sich austauschen wollen.